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Wo Geschichte auf Artenschutz trifft – die Paasmühle in Hattingen

Es ist eine besonderer Atmosphäre …

… wenn Sie an der Paasstraße in Hattingen spazieren gehen, hören Sie das sanfte Plätschern des Wassers und das Rufen von Greifvögeln. Sie stehen vor der Paasmühle – einem Ort, dessen Herz wie kaum ein anderes zwischen tief verwurzelter Geschichte und moderner Verantwortung schlägt.

Heute ist die Paasmühle weit über die Stadtgrenzen hinaus als eine der bedeutendsten Wildvogelstationen Deutschlands bekannt. Hier, wo unter vielen anderen „gefliederten Patienten“ auch Störche klappern, bestimmte einst das Klappern des Mühlrades den Rhythmus des täglichen Überlebens.

Zeuge des Mittelalters

Die Geschichte der Mühle (historisch oft mit „ß“ als Paßmühle geschrieben) reicht über 500 Jahre zurück. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 1437 in den Lehnsregistern des Hauses Cliff, einem bedeutenden Rittergut an der Ruhr. Der Name leitet sich vermutlich von der Lage der Mühle am Paasbach ab. „Paas“ könnte dabei auf das Osterfest verweisen oder einen „Durchgang“ (Passage) im Gelände bezeichnen. Als sicher gilt hingegen, dass es sich um eine sogenannte Bannmühle handelt. Die Bauern der Umgebung waren einst rechtlich verpflichtet, ihr Getreide ausschließlich hier mahlen zu lassen. Als Gebühr behielt der Müller einen Teil des Mehls, die sogenannte „Metze“, ein. Über lange Zeit war die Mühle für Hattingen eine lebenswichtige Reserve, insbesondere wenn die große Mühle an der Ruhr wegen Hochwasser oder Eisgangs stillstand.

Die Kraft des Wassers und sein Nutzen heute

Einst wurde die Paasmühle mit einem oberschlächtigen Wasserrad betrieben. Dazu wurde nicht die Fließgeschwindigkeit des Baches genutzt, sondern das Gewicht des Wassers, welches – von einem (einst) oberhalb gelegenen Mühlenteich – in die Schaufeln des Mühlrades fiel.

Das Erscheinungsbild heute mit dem charakteristischen Fachwerk und dem massiven Bruchsteinmauerwerk stammt größtenteils aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Den Mühlenbetrieb gibt es schon lange nicht mehr. Der Bach mäandert aber weiterhin durch das Tal. Das Wasser hat eine neue Bedeutung gefunden. Es versorgt die zahlreichen Wasservögel wie Schwäne, Enten und Taucher, welche über das ganze Jahr hinweg in die heutige Wildvogelstation gebracht werden.

Ein ‚Krankenhaus‘ für unsere gefiederte Fauna

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verloren kleine Mühlen ihre wirtschaftliche Basis. Doch die Paasmühle fand eine neue Bestimmung. Was in den 1980er Jahren als Privatinitiative von Thorsten Kestner begann, ist heute eine hochprofessionelle Auffangstation – spezialisiert auf Wasser- und Greifvögel.

Einige wenige Zahlen und Fakten

  • Patienten: Pro Jahr werden hier zwischen 1.000 und 1.500 Vögel versorgt.
  • Spezialisierung: Die Station ist die erste Adresse für Greifvögel, Eulen und Wasservögel in NRW
  • Gelände: Auf 15.000 Quadratmetern befinden sich drei große Teiche, zahlreiche Volieren und eine moderne Krankenstation.

Das Ziel der Station ist es, die verletzten Wildvögel zu heilen und möglichst schnell wieder auswildern zu können. Auch verwaiste Jungvögel werden versorgt und bis zum Zeitpunkt des Erwachsenwerdens gehegt. Die Aufzucht verwaister Jungvögel durch „Ammen-Uhus“ verhalf zum Beispiel dem Uhu im Ruhrgebiet wieder flächendeckend Fuß zu fassen. Auch ganz spezielle Fälle wie im Rheintal gestrandete Basstölpel werden von den versierten, ehrenamtlichen Pflegern der Paasmühle versorgt.

„Am liebsten sehen wir sie von hinten!“ heißt es immer wieder an diesem besonderen Ort.

Die Paasmühle bietet neben Gemeinschaft auch Kultur

Die Paasmühle ist heute weit mehr als ein Tierkrankenhaus; sie ist ein kultureller Treffpunkt, medial vielfach dokumentiert. Kein Wunder, denn in Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten wird hier Bewusstsein für den Naturschutz geschaffen. Umweltbildung nimmt einen nicht unerheblichen Raum der Arbeit ein. Der Aufwand – zeitlich als auch finanziell – ist beeindruckend hoch. Thorsten Kestner kennt keinen Urlaub und sein Team keine Pause, wenn die Zahl der „Einlieferungen“ das faktisch mögliche zu übersteigen scheint.

Seit dem Jahr 2024 ist die Mühle ein offizieller Ambiente-Trauort der Stadt Hattingen. Paare können sich im Garten am Wasser das Ja-Wort geben – oft begleitet von den Rufen der ansässigen Kolkraben. Auch bietet der Ort die Kulisse für Kultur-Events der besonderen Art. Die Ballett-Aufführung von ‚Schwanensee‘ im Sommer 2025 hatte Leuchtturmcharakter.

 

… und ein Versprechen an die Zukunft

Die Paasmühle galt unseren Vorfahren als ein technisches Meisterwerk, 500 Jahre später sorgt es sich um die Artenvielfalt unserer Region. Trotz nationaler Anerkennung (u.a. erhielt Thorsten Kestner im Jahr 2014 den Deutschen Tierschutzpreis) sind die Rahmenbedingungen anspruchsvoll. Die Station erhält keine staatliche Regelförderung, allein Spenden ermöglichen die Arbeit. Manchmal grenzt dies angesichts erheblicher Futterkosten an ein Wunder.
Neben einer kontinuierlichen finanziellen Unterstützung muss die Station immer häufiger auf materielle Unterstützung zurückgreifen. Der Klimawandel zeigt sich auch in Hattingen. Den gefiederten Schützlingen setzen Sturm und Überschwemmung ebenso zu wie die nun sich regelmäßig einstellenden Sommerdürren, in denen der Paasbach nicht mehr genug Wasser für die Pflege der (Wasser-)Vögel bereithält.

Eine abschließende Bitte

Wenn Sie das nächste Mal an der Mühle vorbeikommen, halten Sie kurz inne. Sie hören dort nicht nur das Wasser des Paasbachs, sondern den Rhythmus von über 500 Jahren Hattinger Stadtgeschichte. Von privaten Besuchen der Vogelauffangstation bitten wir Sie Abstand zu nehmen. Öffentliche Veranstaltungen – von uns ausgeschrieben – ermöglichen Ihnen die Möglichkeit einen Blick ‚hinter die Kulissen‘ zu werfen – die Tiere danken es Ihnen.

Kontakt

Thorsten Kestner
Paasstraße 107
45527 Hattingen

E-Mail info@paasmuehle.de

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